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Hochdeutsch


Gedanken

Gedanken
Schall und Rauch?
Durchbrechen
Mauern und Grenzen
eilen flinker
als Postboten
und Internet
von Mensch zu Mensch
kräuseln sich
hoffnungsweiß
zum Himmel

[ Gedanken auf  Niederdeutsch ]


Worte

Worte
sind Taten
verletzen
und heilen
treffen
todsicher
mitten
ins Herz

[ Worte auf  Niederdeutsch ]


Windsbraut

Lass mich
deine Windsbraut sein
halt mich fest
im Sturm

gegen den Strom
der Schwerkraft
fliegen
im Wirbel der Zeit


Kariertes Bettzeug

Kästchen für Kästchen
trennt mich von dir

Kreisrunde Gedanken
eingesperrt
im viereckigen Muster
der Gewohnheit

Einer Fliege gleich
gleitet meine Hand
über das Gitter
trifft auf deine
und bricht
die erste Latte im Zaun

Worte
finden
den Weg
aus dem Labyrinth
der Sprachlosigkeit

[ Preisträger-Gedicht  Artikel Norddeutsche Rundschau ]


Dandelion

Vom Hauch des Windes angerührt
wirst du getragen
scheinbar ziellos
in die Weite

Hinunter musst du
darfst du
Bejah den Tod
du wirst ihn überwinden
durch Aufbruch
jetzt und hier
fast unbemerkt

Je tiefer du ergreifst das Dunkel
Pfahlwurzel
Himmel-Erd-verbindend
gezacktes Grün erwächst
aus eingeflammter Bitternis

Je leuchtender strahlt deine Sonnenkraft
zurück
vielfältig Gold


Ringparabel

Nicht das
macht
den Muslimen
Juden
oder Christen aus
dass du
am Freitag
Sabbat
Sonntag
zum Gebete gehst
dass du die Waffen schärfst
um nicht
zu unterliegen

Begrabt
die Schwerter
unter euch
gerade oder krumme
der Rechtfertigung

Denn
Aug um Auge
Zahn um Zahn
einst Fortschritt
in der Menschheit
sie haben längst uns
blind
doch dafür
beißender denn je
gemacht

Fast unsichtbar
wie die Atome
so schleichen
Lüge Hass Neid
Raffgier
zwischen uns
und lassen
irgendwo
zurück
zerstörte Erde

Versenkt
die Rache
unterm Baum
tief bis zur Wurzel
grabt

Damit
mit Flügeln
zwischen
Mensch und Mensch
Zukunft uns keime


Gewiss

„Kannst du mitkommen?“
– „Nein, mir geht´s heute zu miserabel.“
„Soll dir jemand Gesellschaft leisten?“
– „Ich bleibe lieber allein.“
„Hast du etwas zu lesen dabei?“
– „Ja, klar!“

Natürlich hatte sie sich ein Buch mitgebracht, irgendeine Erzählung aus der Evangelischen Verlagsanstalt über Nächstenliebe und Nachbarschaftshilfe, über Vergebung bei Ehebruch …

Sie hatte nur einen flüchtigen Blick ins Buch hineingeworfen und es dann beiseite gelegt. Zwischen all den täglichen Verpflichtungen nach Schule und Vorbereitung der vielen Tests zum Schuljahresende, nach Kirchenchorproben und Klavierstunde, nach Stenokurs und Nachhilfeunterricht, Wochenputz und anderer Hilfe im Haus blieb der Fünfzehnjährigen außer ihrem Doppelabonnement fürs Theater sowieso kaum noch Zeit. Doch auch zu Beginn der Ferien hatte sie ihre letzte Geburtstagslektüre nicht zu nächtlichen Eskapaden verlocken können.

Der Klassenlehrer legt dennoch vor ihr ein kleines Reclamheft ins Gras:

„Kennst du den Schriftsteller?“

– „Nein …“

Was heißt denn kennen? In der Schule war der Autor, das wusste auch ihr Lehrer, nur knapp pflichterwähnt worden. Es lohnte sich nicht, die Schülerschar länger mit derartigen Gedanken zu beschäftigen. Die Texte waren zu grüblerisch, nicht genügend mitreißend. Seine Worte fügten sich nicht ein in die roten flatternden Fahnen, die manchmal noch die verblassten Spuren des abgetrennten Hakenkreuzemblems zu erkennen gaben.

Die junge Seele dieses Schriftstellers war müde, an den Schrecknissen des Krieges zerbrochen, der Leib hatte die Konsequenz gezogen. Seine Worte hatten sich auch im neuen Deutschland nicht einreihen können in die hoffnungsvolle revolutionäre Propaganda: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft …“

Und im Pfarrhaus daheim? Auch dort wurde eher abwertend über diesen „Pessimisten“ gesprochen, weil er das gestern Geschehene nicht abhaken konnte – vergessen und vorbei, Zukunftsblick, Gras drüber! Weil er „Gott“ nicht dankbar dafür war, „unversehrt“ aus dem Krieg zurückgekommen zu sein. Wie viele hatten den Tod endgültig schmecken müssen. Müssen?

Borcherts Texte wurden auch zu Hause nicht gelesen, weil er ein Zweifler war: Ob tatsächlich kein Sperling vom Dache eines Hauses fällt ohne seinen Willen? Wiegen wir in seiner Hand wirklich mehr als ein Spatz?

Ungezählte Menschenleben – was heißt hier Millionen? – ausgelöscht. Wie Ähren zerknickt im Sturm, ob Mann oder Frau, Kind oder Greis. Warum? Gott hatte sich offensichtlich nicht darum geschert, als auf Erden, bei Tag und bei Nacht, die Hölle ausbrach. Schicksal?

Viel später würde sie den Ruf des Ertrinkenden hören, wieder und wieder einbrennen in ihr Inneres:

Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind
für Dorsch und Stint
für jedes Boot
und bin doch selbst
ein Schiff in Not.

„… Nein, ich kenne ihn … nicht wirklich!“, erwidert sie zögernd ihrem Lehrer.

Stunden sitzt sie jetzt allein vor ihrem Zelt, saugt „Die Hundeblume“ und andere Geschichten von Wolfgang Borchert in sich hinein. Schwer wird das Herz und doch klopft es fortwährendes Verstehen. Froh ist sie, mit dem Schriftsteller allein zu sein, das Aufsteigen der Tränen nicht unterdrücken zu müssen.

Als die Schülergruppe am Abend zurückkehrt, sind die Spuren im Gesicht verwischt. Eine kräftige Suppe überm Campingkocher erwärmt, stärkt und lässt sie bei den Erzählungen der Tageserlebnisse in die Gegenwart zurückkehren.

Abendlieder zur Gitarre gesungen tönen durch die Nacht.

„Danke. Ich konnte nicht aufhören, habe alle Geschichten gelesen. Gute Nacht!“, sagt sie und gibt das Reclamheft zurück. Der Rest ist Schweigen, unausgesprochenes Einvernehmen.

Vier Jahrzehnte später hat sie eine Lesung in der Kirche ihrer Heimatgemeinde. Ihr Klassenlehrer sitzt mit seiner Frau unter den Zuhörern.

Durch Zufall hatte er vor einigen Wochen von der Lesung erfahren, ließ seine Schülerin grüßen, denn kein einziger seiner „Ehemaligen“ war vergessen. Sie hatte ihm geschrieben, um ihm nach vierzig Jahren für die Begegnung mit Borchert zu danken.

Die Hundeblume war ihr mit ihrer Asphalt durchbrechenden Pfahlwurzel, mit ihrer goldenen Blüte und ihren Windsternen zur Lebensbegleiterin geworden, trotz Bitternis. Der Löwenzahn, ihr Pflanzentotem nach dem Kalender der Indianer, sang ihr jährlich zu Ostern sein Auferstehungslied.

Dandelion ]

Nach der Lesung bleibt der Lehrer zurück, schenkt ihr ein Reclamheft mit Widmung …

„Dieses Buch war es!

´Es kann die Spur von
meinen Erdentagen
nicht in Äonen untergehn.´

Ob J. W. Goethe auch Sie
und mich damit gemeint hat?“

[ veröffentlich in Schweigen ist Silber ]


Niederdeutsch

Ik bün keen plattdüütsche Deern.
Ik koom ut Sachsen.
Al as Kind harr ik keen Spitznomen.
Ik weer – bi familie un frünn´ –
de Lisei, vun Pole Poppenspeeler.
Un mien leevste Sendung in´t Radio DDR
weer de Käpt´n Briese.
As junge Deern häff ik ümmer
vun de Elvmündung dröömt.
Un nu
– siet fiefuntwintig Johrn –
leev ik door.
Un nu bring ik jüm
– mit mien Vertelln –
een Stück in Richtung Quelle.


Gedanken
Schall un Rook?
Se breekt dörch
Muern un Grenzen
loopt flinker
as Breefdrägers
un Internet
von Minsch to Minsch
küselt sik
witt – vull Höpen
hooch na´n Heven


Wöör
gaht op Drift
doot weh
un maakt heel
dreept
mit Sekerheit
merrn
in´t Hart

Übertragung ins Niederdeutsche: Christa Heise-Batt (Kulturpreisträgerin Norderstedt)

Hörversionen

Unter http://www.literaturtelefon-online.de ist Lyrik von Elisabeth Melzer-Geissler…

…unter dem Motto „Herbstlied“ 2015 (Aufnahme: Jörg Meyer / Kiel)

…sowie unter dem Motto „Grenzwege2016 (Aufnahme: Jörg Meyer / Kiel) zu hören.

Veranstalter: Literatur-Telefon Kiel

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